Zum Player springenZum Hauptinhalt springen
  • vor 2 Monaten
Dresden, 1984: Ein fünf Monate altes Baby verschwindet plötzlich aus einem Kinderwagen vor dem Centrum-Warenhaus. Heute wäre Felix 41 Jahre alt – und vermutlich lebt er unter falschem Namen irgendwo in Russland. Die dreiteilige Crime-Time-Dokumentation rollt einen der rätselhaftesten Entführungsfälle der deutschen Nachkriegsgeschichte neu auf – und begleitet eine Familie, die die Suche nach ihrem Sohn seit mehr als vier Jahrzehnten nicht aufgibt. Mit Hilfe von Cold-Case-Ermittler:innen, DNA-Datenbanken, KI-Technologie und alten Stasiakten führt die Spur von Dresden über sowjetische Militärverwaltungen bis ins heutige Kaliningrad. Immer wieder stoßen die Ermittler:innen dabei auf Lücken, Widersprüche und gut geschützte Namen. Neue Hinweise, ein fragwürdiges Bernsteinbild und ein russischer Militärstaatsanwalt, der nach Jahren plötzlich wieder ermittelt, bringen Bewegung in einen Fall, der jahrzehntelang geschlossen wurde – und heute mehr Fragen aufwirft als Antworten liefert. (Text: SWR)

Kategorie

📺
TV
Transkript
00:00Untertitelung des ZDF für funk, 2017
00:30Der Austausch der Informationen hat nur wenige Minuten gedauert
00:32und dann hat er mir noch beim Rausgehen aus der Garage dieses Bild in die Hand gedrückt.
00:39Auf dem Weg zum Flughafen wurde mir klar, wer dieser Juri war und welche Rolle er in diesem ganzen System spielt.
00:47Wollte er mich als Vater von Felix sehen und mich mal kennenzulernen?
00:52Diese Frage geht mir nicht mehr aus dem Kopf.
00:54Vielleicht ist dieses Bild der Schlüssel für die Lösung unseres Problems.
01:00Euer Bruder ist ja nun schon über 40 Jahre verschwunden.
01:20Und in uns kommt ja immer wieder diese Sehnsucht auf, was zu tun, auch wenn es schon so lange her ist.
01:28Und da solltet ihr auch eingeweiht werden.
01:31Also wir haben jetzt schon nochmal vor, an die Öffentlichkeit zu gehen.
01:35Da brauchen wir auch, denke ich mal, eure Hilfe ein bisschen mit, weil ihr einen unverfälschten Blick habt.
01:39Ich habe in meiner Kindheit überhaupt nichts davon mitbekommen, dass unsere Eltern nach dem Felix suchen.
01:45Es lief alles sehr geräuschlos ab, bis zu dem Zeitpunkt, an dem wir offiziell eingeweiht wurden.
01:50Als meine Eltern das erzählt haben, war ich, wie alt war ich da? Vielleicht zehn.
01:55Also ich habe das aufgenommen und dann, okay, was mache ich jetzt mit dieser Information?
02:01Also da ist, offensichtlich habe ich noch einen Bruder, okay.
02:04Und den hat man uns weggenommen 1984 und wir haben uns jetzt entschlossen, den wieder zu suchen.
02:11Also hier so mit 16 Jahren und hier mit 20. Es ist schon unterschiedlich.
02:16Ja, ich meine, das Phantombild ist auch viel symmetrischer.
02:19Hier ist mehr angewachsenes Ohrleppel, wie bei dir, Fabian.
02:22Und hier, und Felix, seine Ohren waren schon eher eben wie deine.
02:28Ja, dann lasst uns doch mal Bilder raussuchen.
02:29Ja.
02:31Und dass man das Gleiche nochmal über eine künstliche Intelligenz.
02:34Das ist an der Wand das Älteste.
02:44Und das können wir doch alles der KI mal geben und gucken, was dabei rauskommt.
02:49Hallo, ich bin die Matja.
03:01Herzlich willkommen.
03:02Danke, dass Sie gekommen sind.
03:05Danke für die Einde.
03:06Ihr habt uns ja einen großen Fundus an Bildern zur Verfügung gestellt.
03:10Damit wir Kombinationen aus euch bekommen und sowohl weibliche als auch männliche Sachen mit rein, haben wir alle eure Bilder kombiniert.
03:17Das ist sozusagen die Trainingsbasis, die wir genommen haben.
03:19Das Modell hat aber trotzdem natürlich auch noch globale Daten und aus diesem generiert es sich das spezifische Alter, was wir da vorgegeben haben.
03:28Felix, wie er jetzt aussehen würde, ist ein 40-jähriger Mann.
03:31Und dann haben wir halt viele verschiedene Bilder generiert und haben darauf basierend dann den Avatar gemacht.
03:37Jetzt können wir mal die Mutter stärker machen, machen wir die mal auf 80 Prozent.
03:40Und da haben wir ein bisschen experimentiert, um dann eine optimale Konfiguration rauszukriegen.
03:46Genau, so haben wir dann eine ganze Menge unterschiedlicher Bilder gemacht und haben dann einfach uns für ein Bild entschieden.
03:51Wir haben die Stimme von dir und deinem Vater genommen, haben die auch nochmal synthetisiert und dann das Ganze als Video dargestellt.
03:57Das war dann das Ergebnis davon.
03:59So in etwa könnte ich heute aussehen. Ich lebe heute in der Identität eines anderen Menschen.
04:05Ich wurde sozusagen vertauscht.
04:06Wahrscheinlich lebe ich irgendwo im Bereich der ehemaligen Sowjetunion, möglicherweise Belarus oder in der Ukraine oder in Russland, vielleicht in Moskau.
04:17Denn möglicherweise bin ich in privilegierten Verhältnissen aufgewachsen.
04:21Der Mann, der vorgibt, mein Vater zu sein, könnte ein hochrangiger russischer Militär sein oder ein Mitarbeiter des Geheimdienstes.
04:29Das hat mit den Umständen meiner Entführung zu tun. Damals in Dresden, zu Weihnachten 1984.
04:36Wir wollten den Jahreswechsel 1984, 1985 bei meinen Schwiegereltern verbringen und sind dann am 28. Dezember nochmal schnell mit der Straßenbahn in die Stadt gefahren, um nochmal Kleinigkeiten zu besorgen.
04:56Felix war eingeschlafen während der Straßenbahnfahrt und das war so kurz nach 16 Uhr, als wir am Zentrumarrenhaus angekommen waren.
05:08Da haben wir gesagt, okay, hier stehen doch schon ein paar Kinderwagen, stellen wir einfach dazu.
05:17Haben noch ein Schloss durch das Rad gezogen, damit niemand den Kinderwagen einfach wegrollen kann und sind einkaufen gegangen.
05:24Und als wir da rauskamen, nach knapp einer halben Stunde, war der Kinderwagen leer.
05:41Das war eine ganz merkwürdige Situation. Die Decke war leicht angehoben und wir haben wirklich in den Kinderwagen hineingeguckt, ob er sich irgendwo verkrochen hat.
05:52Aber er war damals schon so groß, er hatte gerade noch so Platz im Kinderwagen, aber war einfach weg.
06:03Da saßen Leute auf Bänken, da hatte niemand den Knaben im Arm.
06:09Dann sind wir in die Kinderwagenaufbewahrung gegangen.
06:12Kind ist weg, können Sie uns helfen?
06:14Einer hat sofort die 1 aus 0 gewählt und dann haben die uns mit uns in den Separaten Raum genommen,
06:18um die ersten Ermittlungen in die Wege zu leiten.
06:26Zum damaligen Zeitpunkt des Falles war ich Hauptmann der Kriminalpolizei.
06:30Der Kinderwagen ist vor diesem Zentrum Warenhaus von den Eltern abgestellt worden.
06:38Es war nichts Besonderes für DDR-Verhältnisse damals.
06:42Wir hatten so einen Fall auch vorher noch gar nicht.
06:45Wir hatten Erziehungspflichtverletzungen, wie es damals hieß,
06:48aber wir hatten nicht so etwas, dass ein Kind aus dem Kinderwagen raus entwendet worden ist.
06:53Die Motivation von mir selber und auch von meinen Mitarbeitern, die war überdimensional.
07:01Das muss man einfach so sagen, weil es war auch nicht ein alltäglicher Werdegang,
07:08sondern es war was ganz Besonderes.
07:12Wie das in solchen Fällen üblich ist, schicken wir dann Kriminaltechnik raus und Ermittler raus.
07:19Und die haben dann diesen Tatort in Augenschein genommen.
07:42Wir wurden in einen Raum geführt.
07:45Es kamen auch sofort Leute von der Kriminalpolizei dazu.
07:49Mein Mann wollte mich dann manchmal so ein bisschen in den Arm nehmen.
07:52Ich wollte das gar nicht.
07:53Die Tränen wären nur so ausgebrochen und ich hätte nie weiterhelfen können in der Angelegenheit.
07:58Es ging ja sogar so weit, was hat das Kind angehabt?
08:03Ja, na beschreiben Sie das mal.
08:05Vielleicht finden wir ein Vergleichsstück.
08:06Wir gehen mal runter in die Kinderabteilung.
08:12Dann wurde ich von so einem Beamten mitgenommen.
08:14Jetzt suchten wir dort ähnliche Dinge heraus.
08:16Ja, es passt alles mehr oder weniger nicht.
08:20Irgendwann guckt man mal auf die Uhr und sagt,
08:23irgendwie ist ja jetzt die erste oder die nächste Mahlzeit dran beim Felix.
08:27Es ist 18 Uhr, da wird er jetzt Abendbrot kriegen.
08:31Wer gibt dem jetzt was?
08:32Der schreit bestimmt.
08:33Das sind ja nicht die wahren Eltern.
08:34Wer hat das getan?
08:36Was wären die mit dem?
08:36Und das die ganzen Gedanken gehen einem durch den Kopf.
08:43Es wurden sehr umfangreiche Fahndungsmaßnahmen durchgeführt.
08:47Es ist nicht nur Dresden in diese Fahndungsmaßnahmen einbezogen worden,
08:51sondern die ganze Republik.
08:52Wir haben aber am Schluss feststellen müssen,
09:00dass wir wenig oder kaum Spuren dort von diesem Ort erhalten haben.
09:07Das Einzige, was wir hatten, das war eine Zeugin,
09:11die eine Frau gesehen hat.
09:13Die hätte sich über den Kinderwagen gebeugt.
09:15Und ja, mehr konnte die Zeugin auch nicht sagen.
09:24Im Grunde genommen hatten wir gar nichts.
09:26Irgendwann gegen 23 Uhr kamen wir dann zu Hause wieder an,
09:46wurden nach Hause gefahren.
09:48Dann guckte noch mal jemand unsere ganze Wohnung an,
09:51jemand von der Kriminalpolizei.
09:52Und dann kamen schon so Vorwürfe,
09:54sie haben ja alles so aufgeräumt.
09:56Hier haben sie die Wäsche gewaschen von ihrem Sohn.
10:02Wenn ich mich richtig entsinne,
10:04hat man sogar noch im Kühlschrank geschaut,
10:06ob da noch Babynachung drin ist.
10:11Haben sie denn gar kein Bild gemacht?
10:12Haben sie denn ein Fahndungsfoto?
10:15Ja, wir haben da schon Bilder.
10:17Wir haben auch heute Nachmittag erst noch Bilder gemacht,
10:19haben wir geantwortet.
10:20Die haben wir aber jetzt auch schon reingesteckt zum Entwickeln.
10:24Dann haben wir später erfahren,
10:28dass auch wir im Verdacht standen,
10:29eventuell eine Straftat vertuschen zu wollen
10:31mit einer vorgetäuschten Entführung.
10:33Der Verdacht einer Straftat an dem Kind durch die Eltern
10:45beziehungsweise durch Angehörige oder andere Verbindungspersonen
10:49zu den Eltern kann gegenwärtig nicht begründet werden.
10:52Die bisherigen Ermittlungen erbrachten keine Anhaltspunkte
10:55auf andere Straftaten wie Geiselnahme, Erpressung oder Ähnliches.
10:59Es war sehr spannend, sich durch diese alten Akten zu arbeiten.
11:05Schwer beeindruckt war ich natürlich von dem Schicksal,
11:07was ihnen zugestoßen ist.
11:09Ich bin selber Vater.
11:10Unsere Tochter ist drei Wochen vor Felix geboren.
11:14Ich mag mir das nicht vorstellen und auch nicht ausmalen,
11:16was da auf einen hereinbricht.
11:17Man muss ja dazu sagen, in der DDR, wir kannten ja sowas gar nicht.
11:22Da waren wir immer in so einer vermeintlichen Sicherheit,
11:25fühlten wir uns.
11:26Denn immerhin, wir sind zusammen einkaufen gegangen,
11:29es hätte ja einer draußen warten können.
11:31Darauf kamen wir gar nicht.
11:33Man stellte die Kinder dorthin, es war noch ein Dach drüber,
11:37damit, weil es war an dem Tag auch so leichter Schneefall,
11:40dass die Kinder geschützt waren, dass man da rauskommt und dass der Felix einfach weg ist.
11:51Es ist so ein freier Fall, wo man nie weiß, wann man wo aufschlägt.
11:56Also so fühlt es sich das eigentlich an.
12:00Auftragsgemäß habe ich die alten Akten, die mir zugesandt worden sind,
12:03entsprechend ausgewertet.
12:04Und mit 46 Jahren Diensterfahrung aus polizeilicher Sicht kann ich sagen,
12:09dass die Volkspolizei und auch die Kriminalpolizei genauso gut gearbeitet haben,
12:14wie wir das im Westen gemacht hätten.
12:16Man denkt an Entführung, man denkt an Geiselnahmeerpressung.
12:20Man hat dann die Kriminalpolizei entsprechend alarmiert.
12:23Die haben sofort eine Ermittlungskommission eingesetzt.
12:26Die Elbe ist abgefahren worden.
12:28Man hat die Krankenhäuser abgeklappert,
12:30ob ein Säugling eingegeben wurde, der verletzt war oder ähnliches.
12:34Man hat natürlich die Eltern abgeklopft.
12:36Haben die vielleicht selbst ihr Kind verschwinden lassen?
12:39Komisch war es.
12:41Also man ist im tiefsten Schmerz und wird verdächtigt.
12:44Aber wenn man logisch denkt und man guckt ja auch ein paar Krimis,
12:48dann weiß man auch, dass das so geht.
12:50Ich habe es also selbst auch schon erlebt.
12:51Man ist in so eine Wohnung gekommen, das Kind war verschwunden,
12:55aber es gab keine Hinweise mehr auf ein Baby.
12:57Man hatte schon alles in den Keller gebracht,
12:58weil man wusste, es kommt nicht zurück.
13:00Da wollte man sich bei ihnen natürlich auch vergewissern, das ist doch klar.
13:02Die müssen ja alles ausschließen.
13:04Und da muss man erst mal in der Familie suchen.
13:07Interessant wäre natürlich auch zu wissen,
13:09was in den Akten der Staatssicherheit steht.
13:12Waren Sie interessiert, das aufzuklären?
13:14Oder haben Sie eher Steine in den Weg geworfen?
13:17Dazu müssten Sie mir eine Einverständniserklärung unterschreiben,
13:19dass ich berechtigt bin, in Ihrem Auftrag die Unterlagen anzufordern.
13:24Wenn Sie mir das ausfüllen würden und unterschreiben würden,
13:29dann würde ich die nächsten Schritte dahin einleiten.
13:31Mein Mann wollte mich am Leben erhalten.
13:57und der hat mir auch immer was zu trinken, was zu essen gebracht.
14:04Wir haben viel geschwiegen, haben das Nötigste nur gesprochen
14:08und haben erst mal nur gedacht, was ist hier eigentlich passiert?
14:14Wir haben uns nicht gegenseitig angegiftet Vorwürfe gemacht,
14:17wer jetzt da im Kinderwagen bleiben können oder solche Dinge.
14:19Na, die sind einfach alle nicht gefallen.
14:20Wir haben uns nicht vorstellen können, dass er so lange verschwindet.
14:29Man hat sich gefragt, wer wollte Kinder adoptieren, hat keins bekommen.
14:33Welche Frauen hatten Tod geboten? Das wurde alles abgeklopft.
14:42Die Personen waren aber bekannt und man hatte auch sehr schnell besucht, abgefragt.
14:46Das war die erste Hoffnung, die dann ziemlich schnell sich zerstäubt hat.
14:51Achtung, Achtung. Hier spricht die deutsche Volkspolizei.
14:58Vor dem zentrum Warenhaus wurde heute ein fünf Monate alter Junge entführt.
15:03Wer verdächtige Personen oder Fahrzeuge bemerkt hat,
15:06meldet dies unverzüglich der Volkspolizei.
15:09Jeder Hinweis hilft.
15:11Ende der Dorfse.
15:12Für mich war es manchmal wie im Film.
15:17Es ging um mich, das könnte ich mir immer gar nicht vorstellen.
15:27Ich war damals 24 Jahre alt, Studentin an der Verkehrshochschule in Dresden.
15:34Epps hat auch an der Verkehrshochschule studiert.
15:36Dort haben wir uns kennengelernt. Er war im Bereich Maschinenbau.
15:39Wir haben uns 1980 kennengelernt.
15:451982 geheiratet.
15:51Ich wollte gerade mein Diplom abschließen, aber da wurde ich schwanger.
15:55Das ist ja auch süß. Wann war das denn?
16:21Das ist Weihnachten. Da haben wir uns mal hingesetzt.
16:24Da konnte er noch nicht sitzen.
16:25Das ist hier eins der letzten Fotos.
16:29Kannst du es vielleicht so besser sehen.
16:32Die Sachen hat er angehabt.
16:34Genau, das hat er angehabt.
16:41Felix, Felix, Felix, Felix, Felix, Felix, Felix.
16:43Am Anfang war das ein Sammelsurium von fliegenden Blättern.
16:55Ich wollte nichts ablegen.
16:57Ich habe das förmlich verdrängt.
17:00Ich wollte das ...
17:01Wir haben ganz lange ...
17:03Ja, leg das dort auf den Stapel.
17:07Irgendwann wurde das mal zu viel.
17:08Du siehst selber nicht mehr durch, und du sagst, ich muss jetzt mal mit dem Ordner anfangen.
17:14Wir haben uns Mitte des letzten Jahrzehnts anschlossen, eine eigene Homepage zu machen.
17:17Ganz einfach, www.woistfelix.de, haben die versucht, immer weiterzuführen,
17:22wobei leider in der letzten Zeit unter dem Thema Aktuelles kaum noch etwas hinzugekommen ist.
17:38Eine Woche nach meiner Entführung zu tun, damals in Dresden, zu Weihnachten 1984.
17:45Denn eine Woche nach meiner Entführung kam es zu einer dramatischen Wendung.
18:09Circa eine Woche, nachdem das Kind entführt worden ist, kam die Meldung rein,
18:14dass ein Kind gefunden worden ist in der Dresdner Neustadt.
18:18Wir waren also zunächst erstmal erleichtert, weil wir davon ausgegangen sind, das ist Schöpfs Kind.
18:25Und jetzt müssen wir mal sehen, was für eine Spuren wir da vor Ort vorfinden.
18:30Die Spurenlage war enorm.
18:41Die Eltern oder wer auch immer das Kind ausgesetzt hat, wollten nicht, dass dem etwas passiert.
18:48Denn in dem Haus war zum Beispiel eine Kinderärztin.
18:52Es war so angezogen, dass dem Kind nichts passiert, also durch die Kälte.
18:57Oder dass es sich selber freistrampelt.
19:01Deswegen war es nämlich auch gefesselt.
19:05Bei den Ermittlungen vor Ort, durch die Tatortbeamten, sind Zeugen ausfindig gemacht worden.
19:12Und jemand hatte tatsächlich einen Mann gesehen, der einen großen Karton transportierte
19:16und sich mit diesem Karton in Richtung des Hauses begeben hatte, wo der Junge aufgefunden worden war.
19:22Des Weiteren gab es noch einen Zeugen, der in unmittelbarer Nähe einen russischen Militärjeep dort gesehen hat.
19:30Man hat dann mit der Zeugin ein Phantombild angefertigt und die darauf gezeigte Person, ein Mann, wird für die späteren Ermittlungen noch wichtig werden.
19:41Diese männliche Person war auch noch bekleidet mit einem Hut.
19:47In Russland ist man eben damals so rumgelaufen, in der damaligen DDR nicht.
19:53Nach einer Woche durften wir dann endlich auch mal mit Genehmigung der Kriminalpolizei zu meinen Eltern fahren.
20:02Wir mussten, um erreichbar zu sein, eine Telefonnummer angeben.
20:06Das war die von meinem Onkel.
20:08Es kam so, mein Onkel kam runtergerannt, sagte, ihr werdet in Dresden erwartet, ihr müsst sofort hinfahren.
20:15Es muss irgendwas sein, die Kriminalpolizei braucht euch.
20:19Wir haben uns schnurstags in den nächsten Zug gesetzt.
20:21Was werden die von uns wollen?
20:25Wir haben uns miteinander unterhalten und uns Gedanken gemacht.
20:28Haben die den Felix gefunden?
20:29Die Zugfahrt ging 90 Minuten, dann wurden wir am Bahnsteig erwartet.
20:40Und man sagt uns ganz trocken, wir haben heute Nachmittag in Dresden ein Kleinkind gefunden.
20:47Wir sagen ihnen aber, das ist nicht ihr Sohn.
20:49Möchten Sie gerne jetzt nach Hause begleiten und schauen mal in Ihren Briefkasten,
20:53ob sich da irgendein Schreiben befindet, was an Sie gerichtet ist.
20:59Wir haben den Briefkasten geöffnet.
21:09Da drin war die Tageszeitung.
21:11Das war's.
21:14Ich habe damals manchmal gedacht, schade, dass es keine Erpressung ist.
21:21Dann hätte man was machen können.
21:22Dann hätten wir Geld gesammelt oder irgendwie, aber es war keine Erpressung.
21:29Das Findelkind war in der Medizinischen Akademie Dresden.
21:38Und dort wurde das nach allen Gesichtspunkten untersucht.
21:41Auf welche Sprache zum Beispiel reagiert das Kind?
21:44Am Ende reagierte das Kind auf die russische Sprache am meisten.
21:49Auf Deutsch oder auf andere Sprachen reagierte das Kind nicht.
21:53Die Ärzte in der Medizinischen Akademie Dresden, die haben festgestellt, dass das Kind mehrere Infusionsnarben hatte.
22:06Die Mediziner sagten, diese Infusionsnarben sind dilettantisch angesetzt worden.
22:11Also das hat kein Fachmann gemacht, sondern jemand, der mit solchen Infusionssachen nie was zu tun hatte und schon gar nicht am Kind.
22:18Diese Art der Einschnitte waren nicht üblich gewesen, weder in der Medizinischen Akademie in Dresden noch woanders in der damaligen DDR.
22:28Und es durfte daraus geschlussfolgert werden, dass das Kind einen mehrwöchigen oder sogar monatigen Aufenthalt in einem medizinischen Bereich hatte.
22:40Das war für uns also eine ganz wichtige Spur, die wir auch verfolgen konnten und auch verfolgt haben.
22:49Dieses Plakat mit dem ausgesetzten Kind war überall.
22:54In der ganzen damaligen Republik.
22:58Dieses Plakat hat viele, viele Hinweise gebracht, aber nicht zum Ergebnis geführt.
23:02Man hat bei dem Findelkind einen Stöller gefunden und in der Laboruntersuchung festgestellt, dass dort Serum dran ist von zwei verschiedenen Blutgruppen.
23:18Das Findelkind, der Martin, wie man ihn genannt hat, der hat die Blutgruppe B, das Serum B hat man auch gefunden und dann war noch Serum in der Blutgruppe A dran.
23:27Unser Sohn Felix hatte die Blutgruppe A und da war zumindest der Beweis daran erbracht, dass dieser Schnuller von zwei Personen benutzt worden ist.
23:37Einer mit A, einer mit B und die Wahrscheinlichkeit war einfach groß, dass Felix auch diesen Sauger benutzt hat.
23:43Beide Blutgruppen sind an einem und demselben Schnuller festgestellt worden innerhalb dieser einen Woche.
23:50Und das war für uns ein Detail dafür, dass diese Begebenheiten zusammengehören.
23:59Wir sind davon ausgegangen, dass diese beiden Kinder, also das entführte Kind und das ausgesetzte Kind, eine Woche lang zusammen waren.
24:11Der Karton, in dem der Junge ausgesetzt worden war, war ein großer Umverpackungskarton für weitere kleine Kartons.
24:18Adressiert war dieser Karton an einen HO-Spezialhandel, in dem durften ausschließlich Angehörige der russischen Armee und deren Familienangehörige einkaufen.
24:37Die Fahnder begaben sich natürlich auch in den HO-Spezialhandel und die haben das Phantombild mitgenommen und haben dieses Phantombild dort gezeigt.
24:48Und tatsächlich hat sich jemand gemeldet und hat gesagt, das ist mein Chef und der heißt Sultanov.
25:03Und das war die Spur zu den Russen.
25:06Die Präsenz der Gruppe sowjetischer Streitkräfte in der DDR, kurz GSSD, war schon sehr erheblich.
25:26Sie hatten über zwei Prozent der Gesamtfläche der DDR für ihre Zwecke besetzt.
25:35Es waren fast 550.000 sowjetische Militärangehörige, Zivilbeschäftigte und ihre Familienangehörige in der DDR stationiert.
25:47Allein in Dresden fast 10.000.
25:50Wir sind davon ausgegangen, dass das Kind ausgetauscht worden ist und dass es die Russen gewesen sein müssen.
26:01Irgendwann hat mir mein Mann mal erzählt, dass er von Herrn Schuld erfahren hat, dass das alles in die Sowjetunion führt.
26:13Und da war ich wie vor den Kopf gestoßen.
26:20Ich dachte, das kann er jetzt nicht auch noch sein.
26:23Wenn man die Identität von dem Findelkind aufklären könnte, dann hätte man den Namen, unter dem unser Sohn jetzt lebt.
26:33Deswegen sage ich, dieses Findelkind ist die Spur in dem Fall.
26:36Findelkind.org

Empfohlen